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21. März 2008 - 00:00 Uhr
Willenskraft: Unterwegs in ein neues Leben
von Sema Kouschkerian
20 Jahre war Rita Lang drogensüchtig. Heute ist sie berufstätig und hat sich auf dem Jakobsweg die Füße wund gelaufen.
 
 

Düsseldorf. Rita Lang begann ihr neues Leben mit 44. Sie hatte schon mal eines, ihr altes. Mit „normaler Kindheit“, Abitur und Ausbildung. Bis sie Mitte 20 war. Dann stürzte sie ab in die Drogensucht. Von jetzt auf gleich, kilometertief in das Dilemma um die Hetzjagd nach dem nächsten Schuss.

Rita Lang war fast 20 Jahre lang heroinabhängig. „Wenn ich meine Hunde nicht hätte versorgen müssen, wäre ich heute tot“, sagt sie rückblickend. Einfach gestorben. Am Elend. Und weil sie sich damals nicht genug mochte, um ihren Eigenwert in Selbsterhaltungstrieb umzumünzen.

Heute trägt sie Verantwortung. Sie hat einen eigenen Schreibtisch und seit vergangenem Oktober eine Assistentenstelle in dem Projekt „underdog“. Ziel ist es, zu Wohnungslosen über deren Tiere Kontakt zu bekommen. Träger ist die Obdachlosenhilfe „fiftyfifty“, Hauptgeldgeber das Land NRW.

„Das ist mein Traumjob“, sagt Rita Lang. „Das erste Mal in meinem Leben mache ich etwas, das mir wirklich etwas bedeutet und womit ich regelmäßig Geld verdiene.“ Plötzlich hat sie es mit Menschen zu tun, die freundlich sind und vor denen sie sich für ihre Geschichte nicht schämen muss.

Vor vier Jahren gelang ihr der Durchbruch. Damals hatte sie sich von ihrem ebenfalls drogensüchtigen Mann getrennt. „Ich wog nur noch 41Kilo. Es musste sich etwas ändern.“ Rita Lang kam ins Methadonprogramm, begab sich in psychosoziale Betreuung und rührte keine Drogen mehr an. Die lebensbedrohliche Fremdherrschaft ging zu Ende.

Mit Unterstützung ihrer Familie hält sie bislang durch. „Es ist schön, sich wieder zu spüren.“ Sie hat eine kleine eigene Wohnung, liest viel und kommt langsam zur Ruhe. „Ich kann mit meiner Zeit tun, was ich möchte. Die inneren Bedürfnisse zählen wieder.“

Einmal in der Woche sitzt Rita Lang mit am Tisch, wenn obdachlose Menschen mit ihren Tieren zur Sprechstunde von „underdog“ anrücken. Einige von ihnen sind alte Bekannte aus der Szene. Rita Lang berät sie, spricht ihnen Mut zu. In gewisser Weise hat sie die Seiten gewechselt. Aber es wird noch eine Weile dauern, bis sie sich daran gewöhnt hat. „Momentan fühle ich mich nirgends zugehörig.“ Sie lernt ja gerade erst wieder, sich selbst zu gehören.

Im vergangenen Jahr ist sie den Jakobsweg gelaufen. Es war der innigste Wunsch ihrer Mutter. 500 Kilometer von Pamplona bis Santiago di Compostela. „Ich wollte meiner Mutter gern den Gefallen tun. Außerdem dachte ich, mir könnte die Wanderung auch nicht schaden. Es wäre eine gute Gelegenheit, um über mein Leben nachzudenken.“

Mehr Läuterung geht eigentlich nicht. Aber Rita Lang erfüllt das Klischee nicht. „Die Tour war schrecklich“, resümiert sie. Vier Wochen war sie mit ihrer Mutter unterwegs. „Die Landschaft war toll. Aber überall ist man Menschenhorden begegnet. Ruhe hatte man keine. Und es war verdammt anstrengend.“

Streckenweise haben die beiden Frauen vor Erschöpfung aufgeben und den Bus nehmen müssen. „Wir haben dann unsere Rucksäcke von einem Transportunternehmen fahren lassen.“ Das hätten ihnen die Vollblut-Gläubigen übel genommen. „Die haben uns ernsthaft einreden wollen, unser ,Soft-Pilgern’ nütze nichts“, erzählt Rita Lang. „Das hat mich richtig geärgert.“

Trotzdem plant ihre Mutter schon wieder eine neue Tour. Über die Pyrenäen. Auf die Begleitung ihrer Tochter wird sie aber verzichten müssen. Sie winkt ab. „Ich mach’ da nicht mehr mit.“ So viel Freiheit muss sein.

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